🧬 Wie wird Hüftgelenksdysplasie vererbt?


HD beim Hund ist eine polygenetische, multifaktorielle Erkrankung.

1️⃣ Polygenetisch = viele Gene beteiligt


Es gibt nicht ein einzelnes HD-Gen, sondern viele Gene, die gemeinsam beeinflussen:

  • Form der Hüftpfanne
  • Form und Größe des Oberschenkelkopfs
  • Bänder- und Kapselspannung
  • Muskelentwicklung rund ums Gelenk

Jedes dieser Gene trägt nur einen kleinen Effekt bei. Erst die Summe der genetischen Einflüsse entscheidet, wie stabil das Gelenk ist.


➡️ Deshalb können:

  • zwei „gesunde“ Eltern HD-Nachkommen haben
  • ein HD-Hund auch gesunde Welpen bekommen

Es geht um Wahrscheinlichkeiten, nicht um sichere Vererbung.


2️⃣ Quantitatives Merkmal

HD ist kein „Ja/Nein-Merkmal“, sondern ein Kontinuum:

Perfekte Hüfte → leichte Lockerheit → Subluxation → schwere Dysplasie → Arthrose

Zuchtverbände teilen das in Stufen ein (z. B. FCI A–E).


3️⃣ Erblichkeit (Heritabilität)

Die genetische Beeinflussung liegt je nach Rasse etwa bei:

h² ≈ 0,2–0,6

Das bedeutet:

  • 20–60 % der Unterschiede zwischen Hunden sind genetisch erklärbar
  • Der Rest kommt aus Umweltfaktoren

👉 Deshalb reicht Röntgen allein nicht – moderne Zucht nutzt Zuchtwerte (Estimated Breeding Values), die auch Verwandte einbeziehen.


🌍 Welche nicht-genetischen Faktoren beeinflussen HD?

Hier wird’s richtig wichtig — Umwelt entscheidet oft, ob eine genetische Veranlagung wirklich zur Krankheit wird.


🥣 1. Ernährung im Wachstum

Einer der stärksten Faktoren.

Problem

Wirkung

Zu energiereiches Futter

Zu schnelles Wachstum → Gelenke instabil

Übergewicht

Mehr Belastung auf unreifes Gelenk

Zu viel Calcium

Störung der Knochenreifung

➡️ Große Rassen brauchen kontrolliertes, langsames Wachstum.



⚖️ 2. Körpergewicht

Mehr Gewicht = mehr Druck auf lockere Hüfte
Übergewicht im Welpenalter erhöht das HD-Risiko stark.


🏃 3. Bewegung

Nicht Bewegung an sich ist das Problem — sondern die Art.

Risikoreich im Wachstum:

  • exzessives Ballwerfen
  • viel Treppenlaufen
  • Springen aus Höhen
  • rutschige Böden

Gut für die Hüfte:

  • moderates, gleichmäßiges Laufen
  • Schwimmen
  • Muskelaufbau ohne Stoßbelastung


🧠 4. Muskulatur

Gute Muskulatur stabilisiert das Gelenk → kann genetische Schwächen teilweise kompensieren.


🧪 5. Hormone

Frühe Kastration kann das Knochenwachstum verlängern → veränderte Gelenkmechanik (je nach Rasse relevant).


🏠 6. Haltungsbedingungen

  • glatte Böden → mehr Ausrutschen → Mikrotraumen
  • Welpen, die sich viel kontrolliert bewegen dürfen, entwickeln oft stabilere Gelenke

🔄 Das Entscheidende: Genetik × Umwelt

Ein Hund kann:

  • genetisch belastet sein und trotzdem gute Hüften entwickeln, wenn Aufzucht optimal war
  • genetisch gut sein und trotzdem HD bekommen, wenn Umwelt ungünstig war

👉 HD entsteht meist, wenn genetische Veranlagung + belastende Umweltfaktoren zusammentreffen.


🐕 Was heißt das für Zucht und Haltung?

Für Züchter:

  • nur Hunde mit guten Hüften einsetzen
  • Zuchtwerte nutzen, nicht nur Röntgenergebnis
  • Inzucht vermeiden (sonst sammeln sich Risikogene)

Für Halter:

  • Welpe schlank halten
  • kein Hochleistungsprogramm im Wachstum
  • große Rassen langsam wachsen lassen
  • rutschfeste Böden
  • gezielter Muskelaufbau


💡 Kurz zusammengefasst

HD ist:

✔ polygen vererbt
✔ quantitativ
✔ stark durch Umwelt beeinflussbar
✔ ein Zusammenspiel aus Genetik + Wachstum + Belastung


🧬 Wie stark ist HD genetisch beim Hovawart?

Beim Hovawart ist die genetische Komponente relativ hoch im Vergleich zu vielen anderen Rassen.

👉 Studien und Zuchtdaten großer Verbände zeigen:
Heritabilität etwa im mittleren bis oberen Bereich (~0,4–0,6)

Das heißt:

  • Die Hüftqualität ist deutlich zuchtbeeinflussbar
  • Gute Zuchtauswahl wirkt – aber langsam über Generationen
  • Einzelne „Ausreißer“ trotz guter Eltern sind trotzdem möglich


Hovawarte haben rassetypisch:

  • kräftigen Körperbau
  • spätes Ausreifen
  • viel Temperament

→ genau die Kombi, bei der eine genetische Hüftlockerheit schneller zum Problem wird.


🦴 Was wird beim Hovawart genetisch „mitvererbt“?

Nicht „HD“, sondern Merkmale wie:

  • Tiefe/Form der Hüftpfanne
  • Rundheit und Sitz des Femurkopfes
  • Bindegewebsfestigkeit (Gelenkkapsel, Bänder)
  • Muskelanlage
  • Wachstumsgeschwindigkeit


Beim Hovawart sieht man häufig:
Welpe mit zunächst lockeren Hüften → später Stabilisierung durch Muskulatur ODER Verschlechterung bei falscher Aufzucht.


🌍 Rassetypisch wichtige Umweltfaktoren

Hier entscheidet sich oft, ob aus Veranlagung eine Krankheit wird.


🥩 1. Wachstum ist der Schlüsselfaktor

Hovawarte sind Spätentwickler (körperlich bis 2–3 Jahre).

❌ Häufiger Fehler:

„Großer Welpe braucht viel Futter“

➡️ Zu schnelles Wachstum = Hüftpfanne und Kopf passen nicht optimal zusammen.

Wichtig:

  • schlanke Aufzucht
  • kein energiereiches Welpenfutter für Riesenrassen-Mast
  • langsames, gleichmäßiges Wachstum

⚖️ 2. Gewicht

Beim Hovawart besonders kritisch, weil:

schwer + lebhaft + wachsend = enorme Gelenkkräfte

Übergewicht im 4.–10. Lebensmonat ist ein massiver Risikofaktor.

🏃 3. Bewegung – beim Hovi tricky

Hovawarte sind:

  • arbeitsfreudig
  • explosiv
  • springen, bremsen, drehen

Das ist für unreife Hüften Gift.

Problematisch im Wachstum:

  • Ballwerfen
  • Agility-ähnliche Belastung
  • wildes Toben auf rutschigem Boden
  • viel Treppensteigen

Gut:

  • kontrollierte Spaziergänge
  • Gelände statt Asphalt
  • Schwimmen
  • moderater Muskelaufbau

🧠 4. Psyche & Temperament

Klingt komisch, ist aber real:

Hovawarte pushen sich selbst. Ein überdrehter Junghund belastet sich ständig maximal → Mikrotraumen im Gelenk.

Ruhetraining = indirekte HD-Prophylaxe.

🧪 5. Kastration

Frühe Kastration kann:

  • Knochenwachstum verlängern
  • Proportionen verändern
    → bei großen Rassen potenziell ungünstig für die Hüftmechanik.

📊 Warum trotz strenger Zucht noch HD vorkommt

Viele Hovawart-Zuchtvereine machen:
✔ Pflicht-HD-Röntgen
✔ Zuchtzulassung nur mit guten Befunden
✔ teilweise Zuchtwerte

Aber:
HD ist 
polygen + Umweltabhängig. Selbst A-Hüften tragen Risikogene, die sich kombinieren können.

🧩 Typisches Szenario beim Hovawart

Genetische Hüftlockerheit

  • schnelles Wachstum
  • viel Toben
  • glatte Böden
  • etwas zu viel Gewicht
    = klinische HD mit 1–3 Jahren

Gleicher Hund bei optimaler Aufzucht
→ eventuell nur leichte Lockerheit ohne Symptome

❤️ Gute Nachricht

Beim Hovawart kann man durch Aufzucht extrem viel beeinflussen. Diese Rasse profitiert enorm von:

  • schlankem Körperzustand
  • kontrollierter Bewegung
  • Muskelaufbau
  • spätem körperlichem „Ernstmachen“